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25 | 01 | 2021

Gebet zur Situation in der Kirche

aus der Predigt von Diakon Hanno Sprissler am 06.12.2020 in St. Nikolaus

Gott, du bist doch ein Gott für alle Menschen!


Du willst, dass alle einmütig miteinander leben, trotz aller noch so großen Unterschiede. Bereits innerhalb der Kirche gibt es schon so viele unterschiedliche Ansichten und Glaubenspraktiken, dazu Menschen die Veränderung und Reformen fordern und andere, die die Kirche in ihrer Unveränderlichkeit als Stütze in einer sich schwindelerregend schnell verändernden Welt empfinden und gerade deshalb erhalten wollen, und zwar genau so, wie sie für sie ist: heilig und unantastbar. Gott, wie kann das zusammenpassen? Das Leben hast du doch als Veränderung und Wandel geschaffen?


Bitte guter Gott schenk mir, den anderen Seelsorgern und allen Menschen, die ihren Glauben leben wollen, Gelassenheit und Stärke, damit wir andere Ansichten akzeptieren können und uns Andersartigkeit nicht verunsichert oder uns verschließen lässt. Lass uns alle einen Platz in deiner Kirche finden und schenk uns Hauptamtlichen den Blick und die Möglichkeiten dafür, allen Menschen Raum in deiner Kirche zu schaffen. Einen Platz, den jede und jeder mitgestalten kann und an dem sich alle geborgen und angenommen fühlen. Lass uns verstehen, dass auch die anderen nur das tun, was sie für richtig halten, selbst wenn das in unseren Augen ein Fehler ist. Schenk uns gegenseitig die Bereitschaft zuzuhören, zu erklären, zu diskutieren, und vor allem schenk uns bitte die Fähigkeit zu erkennen und neue Erkenntnisse in unserem Leben umzusetzen.


Gott, du bist doch ein Gott für alle Menschen!


Du willst, dass deine Botschaft von Liebe und Freiheit alle erreicht. Ich habe Sorge, dass die Kirche immer mehr an Bedeutung verliert. Gesellschaftlich hat sie bereits kaum noch Relevanz. Ihre Ansichten werden viel zu oft als unangemessen, völlig veraltet und autoritär empfunden. In der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen spielt der von der Kirche vermittelte Glaube keine prägende Rolle mehr. Und selbst innerkirchlich wenden sich Menschen, die jahrzehntelang das kirchliche Leben aktiv geprägt und gestaltet haben ab. Spirituelle Angebote aber boomen dennoch, jedoch von außerkirchlichen Lehrern wie Eckhart Tolle, Robert Betz, Veit Lindau …. Gleichzeitig werden die Botschafter des christlichen Glaubens belächelt, wie unmündig und weltfremd. Dabei hast du uns mit deiner alles umfassenden Liebe doch so eine unglaublich einfache und tragfähige Botschaft mitgegeben!


Bitte, liebender Gott, hilf uns durch unser eigenes Leben und einen überzeugend gelebten Glauben Menschen zu begeistern. Hilf uns zu begreifen, dass das, was die Menschen verloren haben, nicht der Glauben oder die Sehnsucht nach Transzendenz ist, sondern dass sie den Glauben an die Aufrichtigkeit einzelner, aber maßgeblicher Menschen verloren haben. Hilf uns selbstkritisch und Vorbild im Glauben für alle Menschen zu sein, egal ob katholisch, evangelisch, ausgetreten oder was auch immer. Schenk uns Toleranz, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Konsequenz. Lass uns erkennen, dass wir nicht urteilen und erst Recht nicht verurteilen dürfen, sondern dass das allein deine Aufgabe ist.


Gott, du bist doch ein Gott für alle Menschen!


Und genau deshalb möchte ich in meinem Gebet nicht nur quengeln und „bitte bitte“ sagen, nicht nur sehen, was nicht geht, nicht rund läuft und nicht gut erscheint, sondern ich möchte dir auch danken:


Danke, du unfasslicher Gott, für all die Menschen, die sich nicht von Schwierigkeiten abschrecken lassen, sondern in ihrem Umfeld und nach ihren Möglichkeiten weiterhin für andere da sind, in unseren Gemeinden, aber auch im ganz normalen alltäglichen Leben. Die unbeirrt, unberührt und fernab von unverständlichen institutionellen Entscheidungen ihrem Glauben und ihrer Liebe für die nächsten Menschen Ausdruck geben. Für die der authentisch gelebte Glaube wichtiger ist, als ein Denken in Regeln, Vorschriften und Strukturen.


Danken möchte ich dir auch für all die Erkenntnisse der vergangenen Wochen und Monate. In Krisen wird bekanntlich sehr schnell deutlich, auf wen Verlass ist und auf wen nicht. Danke, dass wir erkennen durften, wie unkompliziert und zuverlässig viele Menschen sind und danke auch für das Erkennen von Kraftlosigkeit, Angst, Verunsicherung aber auch von Verärgerung und Wut. Emotionen können so viel Energie freisetzen, und sie haben bereits so viel möglich gemacht!


Danke, dass viele Menschen in dieser besonderen Situation neue Wege suchen und einschlagen. Danke für die vielen Versuche und Ideen, für die neu belebte Flexibilität und Offenheit, danke für unkomplizierten Pragmatismus, für die vielen zugedrückten Augen, für die spontanen Unterstützungen und Hilfsleistungen. Danke auch für die Veränderung für weggefallene Bremsklötze, für unerwartete Freiräume und kreative Möglichkeiten.


Danke, du Gott aller Menschen!


Danke für Gesunde und Kranke, für Junge und Alte, für Enge und Weite, für Bewahrer und Reformer, für Kopfmenschen und Praktiker, für Glaubende und Zweifelnde, für Kritische und Unkritische …


Danke, du Gott der Vielfalt. Erhalte in allen Glaubenden die Liebe zu allen Menschen, die Dankbarkeit und das zuversichtliche Vertrauen in dich, in schwierigen Lebenslagen und ebenso in entspannten Situationen, heute und bitte auch in Zukunft. Amen

 

(Für Rückmeldungen, Anregungen und Kritik wenden Sie sich gerne direkt an Hanno Sprissler)

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